| In Physis stellt Moritz Majce die lebendige Körperlichkeit von Begegnung in den Vordergrund: Wie sind wir zusammen da? Fünf Tänzer*innen entfalten einen Bewegungsraum für und mit Besucher*innen. Bewegungen des Raum-Gebens und Raum-Lassens, Erkundungen von Nähe und Distanz, Verkörperungen von Anziehung und Verteilung zeichnen die Arbeit aus. Physis bringt die seit 2019 kontinuierlich weiterentwickelte Bewegungspraxis des Relational Flow zu ihrem bisherigen Höhepunkt. Innere somatische Bezüge im einzelnen Körper verbinden sich dabei mit der Vielfalt einer Gruppe und der Öffentlichkeit eines Publikums. Durch den sichtbaren Bewegungsstrom der Empfindungen von einem*r zur*m anderen werden der Raum körperlich und die Körper räumlich. Die individuelle Erfahrung eines Zusammenseins im Hier und Jetzt öffnet dabei politische Fragen nach Gemeinschaft in unserer Gegenwart von Vereinzelung, Trauma und globaler Bedrohung. Es gibt nur einen Raum. Performer*innen und Besucher*innen teilen den selben Raum. Der Raum ist leer, es gibt keine Stühle, keine Bühne. Das Licht scheint gleichmäßig und bewegt sich kontinuierlich und kaum merklich in Wellen von einer Seite des Raums zur anderen. Die Tür zum Studio ist offen, die Tänzer*innen bewegen sich bereits. Die Besucher*innen betreten einzeln und mit Abstand zueinander den Raum. Jede*r bekommt beim Eintreten ein Sitzkissen. Der Sitzplatz ist frei wählbar und kann verändert werden. Aus der Sicht einer*eines Besucher*s betritt man einen Raum, in dem schon jemand ist. Man kommt zu etwas dazu. Manche bewegen sich, andere sitzen. Aus Sicht der Tänzer*innen kommen immer wieder Einzelne herein, jede*r für sich. Jede*r wird beim Eintritt gesehen. Einen Raum zu teilen, heißt hier auch, einander zu sehen und voneinander gesehen zu werden. Die Tänzer*innen tragen weiß-braune Space Suits. jeder Anzug ist individuell gestaltet und bis ins Detail – Nähte, Taschen, Asymmetrien – gearbeitet. Während sich der Raum mit Besucher*innen füllt, bleiben die Performer*innen durch die Anzüge sichtbar. Sie verleihen ihnen eine gewisse Skulpturalität. Die Tänzer*innen sind auf den Raum bezogen, in ihm herausgestellt, exponiert. Alle werden voneinander bewegt. Der Raum gehört der Bewegung; er ist sie, sie macht ihn aus: Die fünf Performer*innen bewegen sich in den Zwischenräumen der Besucher*innen. Zu Beginn sind es wenige, der Raum wirkt leer. Langsam werden es mehr. Die Veränderungen des Raums durch die Dazukommenden beeinflussen die Bewegungen der Tänzer*innen. Sie suchen neu entstehende Zwischenräume auf, sehen sich mit ihren Bewegungen um, verweilen, ziehen weiter. Die Besucher*innen spüren, dass ihre Anwesenheit einen Unterschied macht. Sie können ihre Position verändern, sich an einem anderen Ort niederlassen. Mit der Zeit orientieren sich die Besucher*innen nicht nur an den Performer*innen, sondern auch aneinander. Sie rücken zusammen, bilden eine Gruppe, verteilen sich. Alle bewegen sich: Tänzer*innen und Besucher*innen. Sie tun das aufeinander bezogen, je nachdem, wo sie sind, wie sie sich verorten. Tänzer*innen und Besucher*innen machen nicht dasselbe, sie bewegen sich unterschiedlich. Die Bewegungen der Tänzer*innen sind erarbeitet und geprobt. Sie sind choreographisch nicht fixiert, sondern folgen bestimmten Prinzipien einer Technik – dem Relational Flow: Jede Bewegung ist Bezug. Sie kommt von anderen Körpern her und geht über sich hinaus zu anderen Körpern hin. Relational Flow ist die Bewegung des aufeinander Bezogenseins selbst. Die Besucher*innen werden so Teil eines dynamischen Bewegungsgeflechts. Ihre eigenen Bewegungen sind reduzierter, aber ebenso teilnehmend. Mit ihrem Aufstehen, Gehen, Hinsetzen – ihrem hier und jetzt im Raum Sein – sind sie Akteur*innen einer von jeder*m mit hervorgebrachten und über jede*n einzelne*n hinausgehenden Gesamtbewegung. Raum der Körper. Das Material der Bewegung ist der Bezug untereinander. Dieser Bezug des*der einen zur*m anderen, der Raum zwischen den Körpern wird gesehen, noch mehr wird er empfunden. Von ihm werden die Körper bewegt und ihn erkunden sie. Die Abstände zwischen den Einzelnen im Raum werden kleiner und größer, es gibt Anziehung und Distanz, Nähe und Verteilung. Das Material in Physis sind Kräfte zwischen Körpern. Diese Kräfte sind Gefühle, Affekte, Empfindungen. Sie sind die Kanäle zwischen den Körpern, sie machen alle im Raum offen füreinander. Der Raum von Physis ist ein Raum der Zuneigung. Er ist intim ohne im direkten Sinn körperliche Berührung einzusetzen. Die Intimität ist geteilte Lust ebenso wie geteilte Verletzlichkeit, das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Sie braucht Softness und bringt sie hervor. Im Raum breitet sich ein Miteinander aus, das ohne einander zu kennen, ohne voneinander etwas zu verlangen oder zu erwarten auskommt. Der Raum ist still. Es gibt nur die Geräusche der Bewegungen und ab und zu von außen kommende Töne der Straße. Die Stille ist zwischen den Körpern und geht von ihnen aus. Die Körper verändern sich, wenn Erwartungen abfallen, wenn ein gemeinsam empfundenes Dasein erscheint. Sie geben der Stille Raum, können sie fühlen, aushalten, genießen. Die so entstehende Stille ist nicht statisch und sie ist nicht schwer. Sie ist bewegt und lebendig. Sie ist aktiv und ähnlich wie das Licht wogt sie in Wellen durch den Raum. Sie ist der Sound der Gegenwart der Körper. Text: Sandra Man | Translation: Anna Galt | In Physis, Moritz Majce places the living physicality of an encounter between bodies in the foreground: How are we there together? Five dancers create a movement space for and with the people attending. The work is characterised by movements of giving space and allowing space, explorations of closeness and distance, embodiments of attraction and dispersal. Physis brings the movement practice of Relational Flow, which has been continuously developed since 2019, to its peak so far. Inner somatic relationships in the individual body connect with the diversity of a group and the publicity of an audience. Through the visible moving flow of feelings from one person to another, the space becomes physical and the bodies become spatial. The individual experience of being together in the here and now also opens up political questions about community in our times of isolation, trauma and global threat. There is only one space. The performers and the people attending the performance share the same space. The space is empty, there are no chairs, no stage. The space is evenly lit and the light moves continuously and barely noticeably in waves from one side of the room to the other. The door to the studio is open, the dancers are already moving. The people enter the space one at a time at intervals to each other. Each person receives a cushion to sit on as they enter. They can sit wherever they like and change their position. From the perspective of someone attending, you enter a space where someone already is. You join something. Some of the people in the space are moving around, others are sitting. From the perspective of the dancers, individual people keep entering, each by themselves. Each of them is seen as they enter. Here too, sharing a space means seeing each other and being seen by each other. The dancers are wearing white and brown space suits. Each suit is individually designed with carefully made details – seams, pockets, asymmetries. As the space fills with people, the performers remain visible due to their suits. They give them a certain sculptural quality. The dancers are related to the space, highlighted in it, exposed. Everyone is moved by each other. The space belongs to the movement; it is the movement, the movement defines it: the five performers move in the spaces between the people. At the start, there are only a few people, the space seems empty. Gradually it fills. The changes to the space as each person arrives influences the dancers’ movements. They seek newly emerging in-between spaces, look around with their movements, linger, move on. The people attending sense that their presence makes a difference. They can change their position, take a seat in a different place. With time, they do not just orientate themselves towards the performers, but also towards each other. They move together, form a group, disperse themselves in the space. Everyone is moving: dancers and audience. They do it in relation to each other, depending on where they are, where they are located. The dancers and the people attending do not do the same thing, they move in different ways. The dancers’ movements have been worked on and rehearsed. They are not choreographically fixed, instead they follow certain principles of a technique – Relational Flow: every movement is in relationship. It arises from other bodies and grows beyond itself towards other bodies. Relational Flow is the movement of relating to each other itself. The people attending the performance therefore become part of a dynamic tapestry of movement. Their own movements are more reduced, but equally participatory. As they stand up, walk, sit down – their being here in the space now – they create an overall movement that is generated by everyone and goes beyond each individual. Space of bodies. The material of the movement is the relationships among each other. This relationship of one person to another, the space between the bodies, is seen, even more so, it is felt. The bodies are moved by it and they explore it. The distances between the individuals in the space get smaller and bigger, there is attraction and distance, closeness and dispersal. The material in Physis is the forces between bodies. These forces are feelings, affects, sensations. They are the channels of connection between the bodies, they make everyone in the space open for each other. The space of Physis is a space of affection. It is intimate without using physical touch in the direct sense. Intimacy is shared desire just as much as shared vulnerability, you cannot have one without the other. It needs softness and produces it at the same time. A togetherness spreads throughout the space, which can exist without knowing each other, without asking or expecting anything of each other. The space is quiet. The only sounds are the sounds of the movements and now and again sounds coming from the street outside. The quietness is between the bodies and emanates from them. The bodies change when expectations fall away, when a collectively felt being there appears. They give the quietness space, can feel it, tolerate it, enjoy it. The quietness that arises in this way is not static and it is not heavy. It is moving and alive. It is active and, like the light, it undulates in waves through the space. It is the sound of the presence of the bodies. |
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| Idee, Leitung + Entwicklung | Idea, Direction + Development |
| Moritz Majce |
| Performance + Entwicklung | Performance + Development |
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Johanna Ackva, Ágnes Grélinger, Zuki Ringart, Yuri Shimaoka, Cary Shiu |
| Entwicklung | Development | Public Companions | ||||||||||||||||||||||||
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Djibril Sall |
Evgenia Chetvertkova, Yi-Chi Lee, Sunayana Shetty, Nobutaka Shomura |
| Companions |
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Marga Alfeirao, Elena Basteri, Regina Baumgart, Giorgia Bovo, Helen Burghardt, Lisa Densem, Charlie Fouchier, Anna Galt, Nik Haffner, Yu-Yuan Huang, Mira Jochimsen, Moo Kim, Dany Kirilov, David Kummer, Kata Kwiatkowska, Paul Meier, Kouroush Mostoufi, Ingrid Müller-Farny, Peter Pleyer, Evan Swisher, Rai Todoroff, Aya Toraiwa, Hussein Zaki |
| Körper-Training | Body Training | Outside Eye | Licht | Light | Technik | Technics |
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Sigal Zouk |
Bettina Neuhaus |
Andreas Harder |
Marc Lagies |
| Idee + Konzept Space Suits 4.0 | Idea + Concept Space Suits 4.0 | Kostümbild | Costume Design |
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Moritz Majce |
Filippo Cecconi, Nina Loxton |
| Künstlerische Beratung | Artistic Advice |
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Sandra Man |
| Foto-Dokumentation | Photo Documentation | Video-Dokumentation | Video Documentation | Übersetzung | Translation |
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Kata Kwiatkowska |
Hana Khalil |
Anna Galt |
| Produktion + Betreuung | Production + Care |
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Tiphaine Carrère Loquet + Micayla Laco |
Eine Produktion von Moritz Majce + Sandra Man
Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds Berlin
Koproduktion: Tanzfabrik Berlin
